Platten hören statt Konzerte sehen: 5 Gründe

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Warum ich lieber zuhause vor der Anlage sitze, statt zu Konzerten zu gehen. – In Köln habe ich eine Reihe Live-Venues unterschiedlichster Größe zur Auswahl, die ich in meist einer halben Stunde erreichen und dabei das Verkehrsmittel frei wählen kann. Außerdem ist die viertgrößte Stadt des Landes auf dem Tourplan der meisten Bands. Und wenn nicht, dann sind reichlich andere Städte im nahen Umfeld, die Metropolregion Rhein-Ruhr hat ja 10 Millionen Einwohner. Dennoch fremdel ich oft mit Livekonzerten und mir ist letztens klar geworden, dass ich doch viel lieber zuhause sitze und die Platten von denen da höre, die da gerade auf der Bühne stehen. Das hat Gründe.

1. Langweilig. Weil so einstudiert.

Eine Lievband, die versucht, wie auf Platte zu klingen? Die Gruppe hängt stoisch am Click, die Pads und zusätzlichen Percussions sind Einspieler, der Ablauf ist fix und lässt keinen Raum für Improvisationen und Spielspaß, die Lichtshow ist programmiert, dank In-Ear-Monitoring hört jeder Musiker abgekapselt jeden Abend exakt das Gleiche, bei Ansagen varriieren nur die Städtenamen und werden als „Highlight“ auch mal verwechselt? Ganz im Ernst: Das ist nicht das, was ich sehen will, wenn Musiker miteinander spielen. Bei einer Studioproduktion ist zumindest klar, dass da stellenweise eifrig gefeilt wurde, aber da wird ja oft gar nicht erst versucht, so zu tun, als sei das alles spontan gemeinsam entstanden.

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2. Klingt das echt gut?

Der Sound auf Livekonzerten ist immer besser geworden, stimmt. Und früher waren Ohrstöpsel ein Muss. Aber einen Konzertsaal so gut zu beschallen, dass ich auch die feinen Details mitbekomme, es trotzdem drückt und Spaß macht, das ist eine Kunst. Grundvoraussetzungen: ein passender Raum. Aber viele Venues sind, gelinde gesagt, “etwas herausfordernd“ für die Tontechnik. Besonders schlimm: Selbst auf kleineren Konzerten gibt es manchmal sogar auf kurzen Entfernungen ein für mich unerträgliches Delay des Sounds durch das aufwändige Processing. Das ist eine Red Flag für mich.

3. Ticketpreise

„Habt ihr zu viel Deckweiß genascht in der Grundschule?“ und deutlich weniger jugendfreie Äußerungen sind regelmäßig von mir zu vernehmen, wenn ich manche Ticketpreise sehe. Gut, dass das Niveau der 1990er ganz anderes war, ist einleuchtend. Nicht zuletzt galt die Tournee noch als Marketinginstrument für den Albenverkauf, heute ist es umgekehrt. Dass manche Leute aber viele hundert Euro ausgeben, um eine kleine Reise zu machen, im Hotel zu übernachten und sich darum reißen, irrsinnige Ticketpreise zahlen zu dürfen, das ist mir echt fremd. Und an der Theke zwei Bier bestellen, Großbrauerei-Plörre aus Glasflaschen in zwei Plastikbecher geschenkt sowie einen atemberaubenden Preis genannt zu bekommen, das macht mir irgendwie keinen Spaß.

4. Instagramisierung der Konzerte

„Warum bist du hier?“ will ich viele Konzertbesucher fragen. Besonders, wenn sie ihr Handy hochhalten und filmen, dauernd Selfies machen und irgendwie gar nicht verfolgen, was da eigentlich passiert. Aber: Je kleiner das Konzert, desto weniger wird das gemacht. Oder trügt mich mein Eindruck? Ich frage mich auch: Fühlen die Menschen wirklich etwas Besonderes, wenn sie mit Stars in einem Raum sind, auch wenn der riesig ist? Ich hatte das irgendwie noch nie.

Was aber wirklich extrem ist, ist wie uniform das Publikum stellenweise gekleidet ist. Ich fühle mich immer wieder an den sehr empfehlenswerten Bildband „The Desciples“ von James Mollison erinnert: Dieser hat vor Konzerten das Publikum in einer mobilen Box fotografiert und damit argestellt, wie ähnllich die Looks sind.

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5. Stehen und sehen?

In Köln ist sowieso alles gedrubbelt. Auch ohne Karneval ist es eng, im ÖPNV erst recht. Ich bin niemand, der gerne gequetscht zwischen schwitzenden Leuten steht. Ich bin auch nicht besonders groß, auf vollen Konzerten muss ich also schauen, nicht nur auf Hinterköpfe zu gucken. Falls doch: Pech gehabt. Aber auch so: Was sieht man denn überhaupt? Bei großen Konzerten stehen irgendwo vorne Musiker, von denen ich viel mehr sehe als wenn ich ein Video von ihnen gucke. Lichtshow und Leinwände, habe ich dafür meinen Eintritt bezahlt? Auf wirklich kleinen Clubkonzerten hat man noch die Chance, wirklich etwas vom Spiel und von den Menschen mitzukriegen, ihnen wirklich auf die Finger und in die Gesichter zu sehen.

Also lieber zuhause?

Ich kann Livekonzerte also oft gar nicht so genießen. Bei sehr guter Akustik über Speaker oder über gute Kopfhörer macht mir das Hören viel mehr Spaß, ich kann hören was, wann und wie ich will. ber schon klar: Ein Album ist ein ganz anderes Produkt als eine Liveshow, es zählen ganz andere Dinge. Und wer kein Spaß hat: selbst schuld, man wird ja nicht zum Hingehen gezwungen. Und ganz so schlimm ist es auch nicht, und ich bin nicht der klassische, miesepetrige Menschenhasser auf Konzerten. Ich habe herausragende Momente erlebt, aber das recht selten. Und den meisten Anstoß habe ich ja an “großen” Konzerten gefunden, in den Kellerclub mit 50 Gästen gehe ich aus den genannten Gründen viel lieber. Ich weiß aber auch, warum mir die Studiowelt mehr zusagt als das Live-Leben. Wie ist das bei dir, kannst du etwas davon nachvollziehen?

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Артемий Званцев

Артемий Званцев — 32-летний журналист из Екатеринбурга с десятилетним опытом работы в digital-медиа. Специализируется на освещении технологических новинок и научных открытий. Ведёт популярный Telegram-канал о развитии искусственного интеллекта и робототехники. Регулярно выступает экспертом на региональных технологических конференциях.

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